Im Namen des Vaters

Religiöser Terrorstaat im Elternhaus

(06.2020) Politiker und Lehrer a. D. empfiehlt christlichen Ratgeber, der zum Prügeln von Kindern auffordert. – Erich Fromms Sozialphilosophie entlarvt eine derartige Erziehung als Sadismus von Feiglingen. 

Uwe Ehrich ist einer von Nordfrieslands langgedientesten Lokalpolitikern (inzwischen außer Dienst), der zuvor als Lehrer in Nordfriesland tätig gewesen ist. Als Politiker des Südschleswigschen Wählerverbands (SSW) hatte er in der letzten Legislaturperiode den Husumer Ausschuss für Schule, Kultur und Sport geleitet. Damit war er auch für alle Kinder- und Jugendeinrichtungen der Stadt Husum mitverantwortlich.

Zu Amtszeiten war Uwe Ehrich bereits durch offen christlich-fundamentalistische Positionen aufgefallen. So plädierte er in seinem Blog für das Errichten theosophisch-autokratischer Strukturen in Kommunen und Vereinen und machte durch aggressive Missionsarbeit in seinem Amt von sich reden (siehe Absatz 10).

Eine neue Dimension christlich-fundamentalistischen Denkens findet sich nun in zwei seiner Blogeinträge, die seine Amtszeit als Leiter des Kultur- und Schulausschusses (2013-2018) überschatten. Diese Texte (zuletzt abgerufen am 20.05.2020) wurden von Uwe Ehrich anlässlich der Anschläge von Utøya verfasst. Sie sind seit dem Jahr 2011 online und wurden zuletzt im Jahr 2018 aktualisiert. Hier bringt der pensionierte Lehrer inhumane Erziehungsmethoden ins Spiel und empfiehlt ein Werk des britischen Kreationisten A. E. Wilder-Smith, dessen einzige Handlungsaufforderung darin besteht, das Prügeln von Kleinkindern zu legitimieren.

„Zurückhaltung mit der Rute verdirbt das Kind“ (sic!), lautet die Quintessenz des Buches; denn kriminelles Verhalten zeige sich schon am Kleinkind. Eltern, die keinen Gebrauch von dieser „gerechten Strenge“ machten, trügen die Schuld, wenn sich das „kriminelle Kind“ (sic!) später zu einem Asozialen oder Terroristen entwickelt. So heißt es in dem Werk, das letztlich ein abstruses Angstszenario erzeugt, welches nur abzuwenden sei, indem man geplante Gewaltakte schon gegen Drei- bis Sechsjährige richtet. In dem Buch wird wortwörtlich das Ziel genannt, die Gedankenwelt des Kindes zu unterdrücken.

Wilder-Smith leitet diese „Erziehung“ ab von einer „Therapiemethode“, die von zwei nordamerikanischen Psychiatern im Umgang mit psychisch kranken Straftätern praktiziert wurde, wobei die Bibel hier gleichsam als Bezugspunkt dient. Der „Therapeut“ ist aufgefordert, lediglich möglichst authentisch vorzugeben, über einen Fall und über den Täter Bescheid zu wissen. So brüllt er dem psychisch Kranken z. B. unvermittelt ins Gesicht, dass dieser schon als Kind nichts wert gewesen sei, was den Kranken dazu bringen würde, Gott zu erkennen. Diese „Therapie“ wird dabei bis zu drei Stunden täglich angewandt. „Nur 30 von allen Patienten […] hielten mehr als 500 dieser Behandlungen durch“, heißt es in dem Buch, wobei den Patienten als Alternative dann auch nur der Selbstmord angeboten wurde.

Für den unvermittelten Wechsel aus Zuwendung und Gewalt, der auf den Umgang mit Kleinkindern übertragen wird, gibt es einen eigenen Begriff. Man nennt das nicht Erziehung, sondern Folter. Diese Methoden, die auf gesamtgesellschaftlicher Ebene die des Terrorstaates sind, werden von A. E. Wilder-Smith christlich-fundamentalistisch legitimiert und ganzheitlich als Heilmittel gegen die „permissive Gesellschaft“ empfohlen.

Nicht überzeugt ist Uwe Ehrich hingegen von einer Schrift, die von dem Psychoanalytiker und Sozialphilosophen Erich Fromm stammt und den Titel trägt „Anatomie der menschlichen Destruktivität“. Hierin wird auf knapp 580 Seiten herausgearbeitet, dass sadistische Charakterzüge für derartige Gewaltakte verantwortlich sind, wie sie in Wilder-Smiths Buch zum Ausdruck kommen. Dieser Sadismus ist genau jene „Therapiemöglichkeit“, die Wilder-Smith zunächst in Bezug auf die Behandlung von psychisch Kranken lobt und dann auf die Kindererziehung überträgt. In beiden Fällen handelt der Therapeut/Erzieher unverantwortlich aus einer Position der Macht gegenüber Unmündigen. Im Falle der Patienten werden diese schlichtweg von ihren Therapeuten erniedrigt, was sie in der Tat zum Verstummen bringt. Im Fall der Kleinkinder erfahren diese gleichsam eine für sie nicht nachvollziehbare Gewalt, die ihnen genau jene Erfahrung von Ohnmacht beibringt, die paradoxerweise die Grundlage allen Sadismus‘ ist; denn der Sadist erfährt laut Erich Fromm den Wunsch nach Allmacht, der aus seiner tatsächlichen Ohnmacht erwächst. Dem ist nur mit Persönlichkeitsbildung zu begegnen. Dazu bedarf es Freiheit. Das meint nun keine antiautoritäre Erziehung. Auch Erich Fromm spricht sich an anderer Stelle explizit für eine autoritäre Form der Erziehung aus. Er meint allerdings die Form einer rationalen Autorität. Diese liegt nicht im Befehlen, Züchtigen und Strafen mit dem Ziel der Kontrolle, sondern darin, ein echtes Vorbild für das Kind sein zu wollen. In diesem Sinne lehnt Fromm alle Formen einer irrationalen Autorität ab, wie sie in jenem Sadismus zum Ausdruck kommt, der in Wilder-Smiths Buch christlich-fundamentalistisch legitimiert wird. Eine solch irrationale Autorität, die grundlos die Gewalt an Unmündigen fordert, ist genau jene Autorität, für die sich Uwe Ehrich mit seiner Buchempfehlung ausspricht.

Jan-Christian Petersen (06.2020)

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