Ethikunterricht für eine zeitgemäße Leitkultur

von Jan-Christian Petersen | Laden Sie sich den Artikel als PDF herunter.

Der Religionsunterricht an unseren Schulen ist kein Bildungs-, sondern ein Missionsfach. Es gilt, diesen separierenden Religionsunterricht durch einen allgemein verbindlichen Ethikunterricht zu ersetzen. Der vorliegende Aufsatz bezieht sich auf Schleswig-Holstein. Die Argumente sind jedoch universell.

Im Jahr 2018 gab das Land Schleswig-Holstein 2,7 Millionen Euro für den Religionsunterricht an den hiesigen Schulen aus. Jedes Jahr fließt ein solcher Millionenbetrag an die evangelische und an die katholische Kirche. Das hat zur Folge, dass alle schleswig-holsteinischen Steuerzahler für die Missionsarbeit einer religiösen Gruppe aufkommen; denn die Religionslehrerinnen und Lehrer werden vom Land bezahlt, nicht von den Kirchen. In diesem Sinne brauchen wir auch keinen zusätzlichen Islamunterricht, der noch einmal einen jährlichen Millionenbetrag verschlingen würde. Das Land möge beschließen, den Religionsunterricht in seiner jetzigen Form aus den Schulen zu streichen und die 2,7 Millionen Euro für einen allgemein verbindlichen Ethikunterricht einzusetzen, der eine aufklärerische Religionskunde einschließt.

Im Religionsunterricht wird eine einseitige Weltsicht vermittelt, die durch (sanfte) Autorität und frühkindliche Indoktrination gefestigt wird. Schule hat jedoch die Aufgabe, Kinder zu emanzipieren. Erst dann können sich Menschen wirklich entscheiden – auch für eine Religion. Doch in Bezug auf den Religionsunterricht ist das genaue Gegenteil der Fall. Wenn die Kinder in unserem Staat das erreicht haben, was man als Religionsmündigkeit (14 Jahre) bezeichnet, ist die kirchliche Einflussnahme längst abgeschlossen. Zum Vergleich: Schülerinnen und Schüler werden mit der physikalischen Entstehung des Universums, mit der Evolution und mit den gesicherten Erkenntnissen der Geschichtsschreibung systematisch erst in der Sekundarstufe konfrontiert. Bis dahin sind es vor allem die religiösen Glaubensvorstellungen des Religionsunterrichts, die eine Antwort auf existenzielle Zusammenhänge anbieten. Gerade anders herum wäre es richtig. Es gilt, unsere Kinder zuerst in dem zu schulen, was die allgemeine und gesicherte Grundlage unserer Erkenntnis und unseres Zusammenlebens ausmacht. Der Religionsunterricht leistet das nicht. Er trägt nicht zu einer gemeinsamen, sondern zur Herausbildung einer partikularen Identität bei, die eben nicht auf Tatsachenwerten fußt, sondern auf einer dogmatischen Wesensschau, die im späteren Leben viel zu oft den Anspruch erhebt, Wahrheit für alle sein zu wollen. So trägt der Religionsunterricht auch weniger zur Förderung von Individualität bei, denn diese verlangt die tabulose und gleichberechtigte Anerkennung aller Meinungsurteile auf Grundlage von geistiger Freiheit. Doch das Merkmal der Religionen sind nun einmal die Tabus. So vollzieht sich die geistige Entfaltung in den Religionsgemeinschaften allenfalls innerhalb bestimmter Dogmen. Grundlage für deren “Gültigkeit” ist in den seltensten Fällen die Evidenz, sondern Autorität.

Das ist insbesondere dort unverantwortlich, wo die tatsächlich evidenten, also die selbsterklärenden Regeln des Zusammenlebens religiös eingefärbt und vereinnahmt sind, sodass sie in unserem Kulturkreis vor allem christlich dogmatisch erscheinen. Die Nächstenliebe ist so ein Fall. Von China bis Indien, von Persien bis in die europäische Antike: In allen Kulturen taucht sie auf: “Was du nicht willst, das man Dir tut, das füg auch keinem anderen zu.” Dieses selbsterklärende Prinzip wird, wenn es überkonfessionell betrachtet wird, als die goldene Regel der Menschheit bezeichnet, von dem Herodot in unserem Kulturkreis als erstes zu berichten wusste – 450 Jahre vor Jesu Geburt. Besagter Leitsatz drückt nun keinen starren Befehl aus wie in den biblischen Geboten und Gesetzen “Du sollst nicht … !”, sondern ein Prinzip, das die eigene Denk- und Einfühlungsleistung zur Schlüsselqualifikation erhebt. Das ist genau jene emanzipatorische Qualität, die von der christlichen Religiosität in letzter Konsequenz immer abgelehnt wird, denn anders erhält “Gott” keine Legitimität.

Ethisches Denken muss jede Autorität infrage stellen; denn erst in der (religiösen) Tabulosigkeit ist es uns möglich, alle Gesetzes- und Regelsysteme, die wir uns letztlich immer selbst auferlegen, menschenwürdig zu ordnen. Alles andere, dem dann noch jemand Geltung im Namen Gottes zu verschaffen sucht, ist entweder naiv, machtpolitisch motiviert oder kaschiert lobbyistische Bestrebungen, die argumentatorisch kaum haltbar sind. In allen drei Fällen ist es das Beharren auf Autorität, das mit dem Gottesbegriff einhergeht. Diese künstlich erzeugte Autorität, die sich als fundamentalistischer Teil einer jeden Religiosität manifestiert, verstellt den Blick auf jene Prinzipien, die aus sich selbst heraus einleuchtend sind. Dem ist mit einem allgemein verbindlichen Ethikunterricht zu begegnen. Dieser soll evidente Prinzipien dogmenfrei vermitteln, um das Zusammenleben über die Grenzen der Religionen hinweg auf eine gemeinsame Grundlage zu stellen.

Zu diesen unmittelbar einleuchtenden Prinzipien gehört auch Kants Kategorischer Imperativ, der in vielen alltäglichen Situationen als Prüfstein taugt: Handle so, dass dein Handeln ein allgemeines Gesetz werden kann.

Was stattdessen mit dem Religionsunterricht in unserem Land erreicht wird, ist nicht Mündigkeit in Bezug auf Religion, sondern die Qualifikation zu deren Abhängigkeit. Religionsunterricht ist kein Bildungs-, sondern ein Missionsfach. Die Subtilität, mit der die frühkindliche Indoktrination geschieht, zeigt sich beispielhaft an der Geschichte von Abraham. Sie ist im schleswig-holsteinischen Grundschullehrplan für das Fach Evangelische Religion als fachspezifischer Lerninhalt vorgesehen. Was anhand dieser Geschichte vermittelt werden soll, ist das Vertrauen in Gottes Fürsorge. Das aber, was hier als Fürsorge ausgegeben wird, ist Hörigkeit. Wir lesen die Geschichte eines Mannes (Abraham), der sein ganzes Leben lang blind Befehle befolgt. Diese Befehle treiben ihn so weit, dass er seinen eigenen Sohn hinzurichten bereit ist. Zum Vergleich: Ein dogmenfreies ethisches Denken, das stattdessen an den Schulen aufklärerisch zu unterrichten wäre, würde sofort die Gewalt verurteilen, die Isaak im Namen Gottes angetan wird. Schließlich sieht Isaak sich als Menschenopfer auf einen Altar gefesselt, um vom eigenen Vater geschlachtet und verbrannt zu werden. Das allein wäre bereits für jedes unserer Kinder eine traumatische Erfahrung sondergleichen. In dem Augenblick, in dem Abraham das Messer hebt, um seinen eigenen Sohn aus religiösen Gründen zu töten, ist Isaak gezeichnet fürs Leben. Für Abraham ist Gott schlichtweg die Nichtverantwortung, die ihn von jeglicher Sünde freispricht. So lehrt der Religionsunterricht anhand dieses Beispiels, dass nicht mehr das Verbrechen die Sünde ist, sondern die Gehorsamsverweigerung. Die Tatsache, dass wir für unser Handeln selbst verantwortlich sind, wird hier in Abrede gestellt. Das deckt sich mit Luthers Lehre, der in seinem Traktat “Die Freiheit eines Christenmenschen” als obersten Grundsatz ausspricht, dass man nur stark genug an Gott glauben müsse, um als Christ gerecht wirken zu können. So entsteht gefühlte Wahrheit. Gerechtigkeit und Freiheit sind hier subjektiviert. Das erklärt auch insgesamt, warum sich über ein und dieselben “heiligen” Texte so unterschiedliche Handlungen rechtfertigen lassen wie bedingungslose Nächstenliebe oder eben schlimmste Gewalt. Maßstab für ein Handeln, das man derart fundamentiert, ist immer der Gott, dem man nahe sein möchte. Und wer diese oder jene Neigung bei der Lektüre von “heiligen” Texten in sich trägt, wird sie in verstärkter Form auch von seinem Gott als Rückmeldung empfangen, um ihm nahe sein zu können.

Die Ethik, die es stattdessen zu schulen gilt, orientiert sich am objektiven Leid, das situativ ist, und als solches erkannt werden kann, wenn man sich wie bei der Betrachtung von Isaaks Geschichte der religiösen Vorstellung entledigt. Eben dies soll der allgemein verbindliche Ethikunterricht leisten: Er soll Schülerinnen und Schüler zu einer überkonfessionellen Haltung befähigen, und zwar unter einem emanzipatorischen Leitmotiv, welches die von Haus aus anerzogenen religiösen Gewohnheiten kritisch zu durchspielen vermag; denn die Schülerinnen und Schüler sollen gleichsam in die Lage versetzt werden, auch ihre Religion eigenständig so zu gestalten und auszuleben, dass sie diese partikulare Identität nicht in (psychische) Konflikte mit sich und anderen bringt. Letzteres ist leider viel zu oft der Fall. Fundamentalismus und Diskriminierung sind in den religiösen Offenbarungen bereits wortwörtlich angelegt. Hinzu kommen innertextliche Widersprüche. Die vielen Sekten, die im Laufe der Geschichte aus Juden-, Christentum und Islam hervorgegangen sind, belegen durch ihre schiere Anzahl, dass Thora, Bibel und Koran niemals allgemein verbindliche Werte für alle zu stiften vermögen.

Gleichzeitig ist die Toleranz, die uns als die wohl wichtigste Tugend im Umgang mit vielfältigen Glaubensansichten erscheint, niemals aus religiösen Offenbarungen hervorgegangen. Durchgesetzt haben sich letztlich immer jene religiösen Sekten, die sich der brutalsten Missionierungsmethoden bedient haben. Voltaire hat mit seiner Schrift über die Toleranz ein beispielhaftes Zeugnis hinterlassen, das es als exemplarisches Lehrstück in einem allgemein verbindlichen Ethikunterricht zu verankern gilt. Des Weiteren ist es unverzichtbar, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Ethikunterricht für alle als gemeinsame Verbindlichkeit anzubringen, um nicht durch unterschiedliche Glaubensansichten voneinander getrennt, sondern auf Augenhöhe ein Mit- und Füreinander kultivieren zu können. Von diesem Standpunkt aus lässt sich auch das Recht auf die Religionsfreiheit des Einzelnen bekräftigen – allerdings unter der Beherzigung eines weiteren Leitsatzes, der sich aus einer Haltung ergibt, die im englischen Renaissancehumanismus in der Schule von Cambridge kultiviert wurde. Diese Haltung erkennt an, dass es Vieles am Glauben gibt, was die Vernunft übersteigt; Gleichzeitig verwahrt sich diese Haltung aber gegen Glaubensansichten, die der Vernunft zuwiderlaufen. So wird auch die Sprache zu einer Schlüsselqualifikation; denn wer tatsächlich meint, eine geglaubte letztgültige Wahrheit zu besitzen, entfernt sich von jeglichem Willen zur Kommunikation. An ihre Stelle tritt der autokratische Befehl. So gilt es, die eigenen religiös motivierten Beweggründe, sofern sie das engagierte Handeln im gesamtgesellschaftlichen Raum betreffen, durch einen sprachlichen Filter zu schicken, um sie für alle anderen einsichtig und teilhabbar zu machen; denn erst das vernünftige Begründen ermöglicht Kooperation über die Grenzen der eigenen Glaubensvorstellungen hinweg. Nicht die Religion, sondern die Kooperation ist Friedensarbeit. Und nur diese Kooperation, die auf einsichtigen Vernunftgründen basiert, hat das Potenzial, alle Menschen zu einem gesamtgesellschaftlichen Frieden einzuladen, ihn zu stiften und zu erhalten.

An dieser Stelle mag einsichtig werden, was ein allgemein verbindlicher Ethikunterricht anstelle des jetzigen Modells in Schleswig-Holsteins Schulen zu leisten vermag – auch für die Glaubensgemeinschaften; denn der Ethikunterricht unterstützt deren positive Inhalte auf einer allgemeinen Grundlage. Er fördert die Toleranz. Er macht universelle Werte allen Schülerinnen und Schülern zugänglich. Das ist dann auch vor den Steuerzahlern zu rechtfertigen. Wer seine Kinder zu mündigen Erwachsenen erziehen möchte, will sie mit unabhängigen und qualitativ hochwertigen Unterrichtsinhalten versorgt sehen. Das soll der allgemein verbindliche Ethikunterricht leisten. – Eltern, Bürgerinnen und Bürger sind angehalten, sich dafür auszusprechen, öffentlich, im Netz, aber auch bei Interessenvertretern und Vereinen, die sich der Förderung dieses Anliegens widmen. Die Politik muss die Weichen stellen. Ethik ist unsere Leitkultur.

Jan-Christian Petersen (Mitglied der Humanistischen Initiative Schleswig-Holstein)

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