Psychische Gewalt im Namen Gottes

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Sind Sie schon einmal Opfer psychischer Gewalt geworden? – Um so schlimmer ist es, wenn diese psychische Gewalt im Namen Gottes ausgeübt wird. Ziel allen religiös-fundamentalistischen Denkens ist es, ausweglose Situationen zu erzeugen. Es ist eine Kultur des Zwangs, in der Gott als einziger Ausweg belassen wird. Konfessionsfreie, Andersgläubige, aber auch moderate Gläubige tun gut daran, sich über die Mechanismen aufzuklären, durch die psychisches Leid und psychische Abhängigkeiten erzeugt werden.

Eine Methode ist seit 2.000 Jahren dieselbe und sie ist äußert effektiv. Der psychische Gewalttäter nimmt für sich in Anspruch, zu wissen, was Gott sagt und will. So macht er Gott zu einem Wesen, über das er selbst verfügen kann. Insbesondere die katholische Kirche ist seit 2.000 Jahren ein Meister im Erzeugen und Vergeben von Schuld. In protestantischen Kreisen sind es vor allem evangelikale Fundamentalisten – emotionsgesteuerte Charismatiker, die sich selbst institutionalisieren und ihren Mitmenschen befehlen, was diese im Namen Gottes zu tun und zu lassen haben. Sie bewegen die Gefühlswelten ihrer Umwelt, wodurch Gott erfahrbar gemacht werden soll. Tatsächlich werden emotional belastende Konflikte erzeugt und verstärkt, bis der Bruch mit dem Diesseits erfolgt und sich das Opfer entweder Gott zuwendet oder psychisch zerbricht. Oft geschieht beides. Die Bibel gilt Evangelikalen dabei als buchstäbliche Autorität. Sie gilt als irrtumsfrei. Islamisten predigen in derselben Härte. Dass das nicht gesund sein kann, versteht sich von selbst. Evangelikale, die die Bibel wörtlich nehmen, finden sich auch als Strömung in den moderaten protestantischen Kirchen – auch in der evangelischen Nordkirche.

Allen Ausprägungen des religiösen Fundamentalismus ist gemein, dass sie die Lebensweise der Menschen direkt zu bestimmen suchen. Einzelne psychische Gewalttäter, die als Verkünder auftreten, gehen noch einen Schritt weiter. Sie greifen die individuelle Gewissensfreiheit ihrer Opfer an. Auf das Erzeugen von Schuld folgen psychische Abhängigkeiten, die mit besagter Emotionalität gesteuert werden. Legitmiert wird diese rücksichtslose Willkür mit der Berufung auf eine höhere “göttliche” Instanz, die es als einzige vermag, die “tatsächlichen” Verhältnisse zu durchschauen, auf die sich der psychische Gewalttäter bezieht. Was im Opfer dann zu wirken beginnt, ist nicht Überzeugungskraft, Einsicht oder Reue in Bezug auf ein tatsächliches Vergehen, sondern die pure und nackte Angst vor dem Täter und dessen Willkür. Der Täter lebt schlichtweg seine Neigungen aus, die er mit einem Gottesbegriff kaschiert. Das Opfer ist dann gänzlich fremdbestimmt. Sünde ist nicht mehr die Verursachung von Leid, sondern die Gehorsamsverweigerung.

Gerade dann muss das Opfer aufstehen und dem Täter ins Gesicht brüllen: “Ich nehme deine Schuld nicht an!” Andernfalls ist es die vom Täter forcierte Sprachlosigkeit, die sich dem Opfer bemächtigt; denn eine Anschuldigung, die der psychische Gewalttäter mit Undurchschaubarkeit begründet und durch Emotionalität rechtfertigt, entzieht sich der Erfassung durch Worte. Das geht in religiös-fundamentalistischen Kreisen oftmals mit einer Diffamierung der offenen Gesellschaft einher; da die hier angesiedelten weltlichen Institutionen (Polizei, Justiz, Sozial- und Hilfseinrichtungen) auf Sprache und im Ausdruck sprachlich fassbarer Sachverhalte begründet sind. Damit bieten sie dem Opfer einen Ausweg, der mit jenem des psychischen Gewalttäters konkurriert.

Was der psychische Gewalttäter seinem Opfer stattdessen anbietet, ist eine Lösung (der Schuld), die nicht mehr über eine Aufklärung von Sachverhalten führt, sondern einzig über ihn als Instanz. Die Auflösung der vom Täter forcierten Schuld wird damit genauso zu seinem Akt der Willkür wie ihre blindwütige Erzeugung.

Dieser Missbrauch und diese Gewalt finden statt – oftmals vor aller Augen. Und nur weil sich in Ansehung dessen Sprach- und Fassungslosigkeit breitmacht und weil die Wunden sich nicht offen zeigen, die ein solcher Täter mit blindwütigen Anschuldigungen in die Seelen seiner Mitmenschen hineinschlägt, heißt das noch lange nicht, dass man genauso blind über sie hinweggehen muss. Psychische Gewalt lähmt. Gerade deshalb muss man ihr mit einem sehr vernünftigen Wort entgegentreten, damit vor allem das Täterumfeld begreift, dass psychische Gewalt, die auch noch im Namen Gottes geübt wird, viel mehr Furcht und Leid in die Welt hineinbringt, als man damit aus ihr zu tilgen vermag.

Jan-Christian Petersen (Mitglied der Humanistischen Initiative Schleswig Holstein)

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